· Pressemitteilung

Gräfin Elsa und der Frauenort

Ausschnitt aus einem Schüleraufsatz der damaligen Kreismittelschule Bad Essen, um 1938 verfasst. Das Portrait von Gräfin Elsa in jüngeren Jahren
In der Oberschicht gab es satt zu essen, Brot und Kuchen
Das Programm für die Einführung als „Frauenort“, aufbauend auf das verdienstvolle Wirken von Gräfin Elsa, von der Gleichstellungsbeauftragten Anke Hamker
Beim Historischen Markt eine kurze Sequenz. Celine Niekamp „spielte“ die noch junge Gräfin Elsa und dabei eine Rot-Kreuz-Schwester in der historischen Tracht, Simone Kluge – dies als Einstimmung
Verteilt wurden beim Historischen Markt kleine Tütchen mit süßem Inhalt und dem Aufkleber vom Landesfrauenrat Niedersachsen e.V.
1878 wurde das ursprüngliche Ippenburger Pflegehaus, später das Altenheim der Samtgemeinde Bad Essen, in Eielstädt bezogen. Zum 100jährigen Bestehen am 15. August 1980 gab es eine Festschrift. Später der Abbruch
Das Ölgemälde mit dem Portrait von Gräfin Else hing im Aufenthaltsraum des Pflegehauses
Die „Heimbewohner“ des Pflegehauses um 1980. Wer konnte, half mit in der Küche oder im Hausgarten – angeleitet von Hausmeister Dahlke
Foto von W. Wegmann – am 29. Juni 1903 – ein schweres Hagelunwetter beschädigte auch das ursprüngliche Pflegehaus, das Kreuz erinnert an die Geschichte der Eielstädter Klus
Eine Postkarte mit dem Konterfei von Gräfin Elsa – herausgegeben zur Verleihung als Frauenort
Ein historischer Kinderwagen wurde auf dem Historischen Markt zu Gunsten der DRK-Kleiderkammer Wittlage verkauft. Hier fehlt der Säugling, der Kinderwagen ist echt historisch
Zu Ehren und zum Gedenken an Gräfin Elsa soll es demnächst in der Handwerksbäckerei Titgemeyer in Bad Essen eine „Gräfin-Elsa-Torte“ geben

Wer war die „Gräfin Elsa von dem Bussche-Ippenburg“, die sich selbstlos für die Armen und Alten im „Wittlager Land“ einsetzte? Ihr Wirken soll mit einer landesweiten Kampagne posthum als „Frauenort“ im DRK-Sozialzentrum gedacht werden.

Elsa, geborene von Arnim, lebte in der Zeit von 1834 bis 1919. Sie starb am 5. Januar 1919, im Alter von 85 Jahren. Ein Herzkrampf oder wie es heute heißt, ein Herzinfarkt, soll die Todesursache gewesen sein. Zu jener Zeit war die Sterblichkeit oder anders die Lebenserwartung deutlich niedriger als heute, wo spezielle Operationen und Medikamente sowie die Früherkennung mit umfangreicher Diagnostik dazu führen, dass viele Menschen im Bundesgebiet ein hoheres Lebensalter erreichen können.

In der Festschrift 150 Jahre DRK-Kreisverband Wittlage wird auf den Seiten 29 bis 31 über das Wirken von Friedrich-Wilhelm Graf von dem Bussche-Ippenburg, genannt von Kessel, sowie über das soziale Engagement von Gräfin Elsa vom Autor dieses Beitrages berichtet.

Elsa wuchs als Kind in einer wohlhabenden Aristokraten-Familie auf, die der damaligen Oberschicht angehörte. Hier erhielten auch die Mädchen einst eine eher gehobene   Schulbildung, die auf die spätere Rolle als Führungsperson in der Gesellschaft vorbereiten sollte. Diese Chance hatten die gleichaltrigen Mädchen aus dem bürgerlichen Lager und noch weniger die Kinder beiderlei Geschlechts der Heuerleute nicht. Grundwissen zu vermitteln reichte für die gesellschaftlich zugewiesene Rolle als dienende Frau und Mutter oder als Arbeitskraft im Haushalt und der Landwirtschaft. 

Die Lebensspanne von Elsa war gezeichnet von Krieg und Not, betroffen waren jedoch besonders die Familien, die sich täglich ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit verdienen mussten. Der spätere Ehemann, Friedrich-Wilhelm Graf von dem Bussche-Ippenburg, könnte seine Ehefrau inspiriert haben. Er gründete für das damalige Amt Wittlage den „Localverein zur Pflege verwundeter und erkrankter Kriegsteilnehmer“. 

Die Männer, die einst zum Kriegsdienst zwangsweise eingezogen wurden, starben entweder auf dem Schlachtfeld oder sie kehrten als „Krüppel“, wie es damals hieß, zurück. Ihnen fehlten Gliedmaßen wie Arme oder Beine, die in den Feld-Lazaretten amputiert wurden; die Lungen und andere Organe waren durch Giftgas-Einsatz geschädigt. Schließlich unbehandelte Infektionskrankheiten in den modrigen Schützengräben oder Mangelernährung führten zu dauerhaften Gesundheitsschäden.

Diese heimgekehrten Soldaten konnten kaum arbeiten für den Lebensunterhalt ihrer Familien. Sie erhielten keine medizinischen Hilfsmittel, Prothesen, Gehstöcke, Rollstühle vom Staat. So setzte sich die Armut fort und die gesamte Haushaltsgemeinschaft war von Hunger und Not betroffen. Staatliche Hilfe gab es anfangs kaum.

Diese Lebenswirklichkeit der betroffenen Familien im Wittlager Land wird Grafin Elsa stark berührt haben. Die adeligen Familien und die Oberschicht waren selbst nicht von dieser Not und Armut betroffen.

In der Oberschicht gab es satt zu essen, Brot und Kuchen. Existenzielle Not herrschte besonders bei den Heuerleuten und dort, wo es arbeitsunfähige Invaliden als Spätfolge des Krieges oder anderer Notlagen gab, etwa Viehseuchen und Ernteausfälle.

Wie könnte die Einstellung von Gräfin Elsa gewesen sein? Vermutlich war sie konservativ im Sinne der christlichen Soziallehre, die Barmherzigkeit und Nächstenliebe praktiziert, aber auch nicht gegen die staatliche Ordnung agiert. In der Stiftung, der sie vorstand, erklärt Gräfin Elsa in der Stiftungsschrift: „Die Armen und die Alten haben es damals im Kirchspiel nicht gut, sie werden, wenn alleinstehend und arbeitsunfähig, „ausgetan“, an den, der das wenigste Kostgeld verlangt und müssen oft inungeheizten Kammern schlafen.“ Eine sehr kritische Beschreibung des sozialen Zustandes damals. Sie wird sich damit bei denjenigen, die so rücksichtlos gegenüber den „Alten und arbeitsunfähigen“ handelten, nicht nur Freunde gemacht haben. Dies öffentlich zu erklären, dazu gehörte Mut; sie beschrieb die Zustände wahrheitsgemäß und ungeschönt.

Als Gräfin und Adelige musste sie aufgrund der Autorität, die mit ihrem gesellschaftlichen Status verbunden war, keinen allzu großen Widerspruch befürchten. Eine Frau aus dem unteren gesellschaftlichen Milieu hatte dies so vermutlich nicht ohne Folgen der Ausgrenzung sagen dürfen? Somit ein Beispiel der Zeitgeschichte.

Ihr Beobachtungsraum war das Kirchspiel Bad Essen, vergleichbar der einstigen Samtgemeinde Bad Essen; die Ortschaften Wehrendorf, Bad Essen, Eielstädt, Hüsede, Harpenfeld und Lockhausen gehörten zur Kirchengemeinde von St. Nikolai, für die die Familien von dem Bussche das Patronat ausübt. In den anderen Kirchspielen im Wittlager Land wird die Lage ähnlich trostlos gewesen sein.

Ein deutlicher Unterschied zu heutigen Initiativen, die ausschließlich ablehnend „gegen“ eine Sache oder eine Partei sind, die aber konkret außer Ablehnung und Kritik kaum etwas bewegen, sich selbst kaum dauerhaft sozial engagieren.

Elsa gab den Menschen in Not und Armut, insbesondere älteren Einwohnern am Lebensende, nicht nur Zuspruch und tröstende Worte, sie gab auch einen Teil ihres Vermögens, um damit konkret zu helfen – das Pflegehaus gegenüber der einstigen Klus in Eielstädt und die Leuchtenburg sind hier beispielhaft zu erwähnen.

Es fehlt noch die Erklärung, warum die alten Menschen einst so erbärmlich auf das Lebensende warten mussten? Es gab weder eine Pflegeversicherung, noch hatten die damaligen Senioren monatliche Rentenbezüge. Sie waren „mittellos“, abhängig von der Gnade ihrer Familie, die sie mit „durchfütterte“, wie es damals hieß. Nur große Bauernhöfe hatten den erbrechtlichen Altenteil, die Familie des Hoferben schuldete den Eltern „Hege und Pflege, Unterkunft und Verpflegung“ bis ans Lebensende. Solange es möglich war, halfen die Altenteiler bei der Haus- und Hofarbeit, doch waren sie dazu nicht mehr in der Lage, waren sie „lästige“ Kostgänger. Die Altenteiler-Senioren bekamen an der Diele eine Kammer, ohne Ofen-Heizung, nicht wärmeisoliert, ohne Licht und Strom. Die Kälte war für die geschwächten Körper der alten Menschen belastend, Rheuma und Gicht bereiteten Schmerzen.

Dies erkannte die Gräfin und erhob ihre Stimme als Sprachrohr für die Schwächsten. Dabei kam sie selbst aus der wohlhabenden Oberschicht. 

Gräfin Else wurden im Jahr 1873 die Zinsen einer mildtätigen Stiftung zur wohlwollenden Verwaltung übertragen. Dies war der Grundstock für die Einrichtung des Pflegeheimes und später der Leuchtenburg, der der Altersruhesitz der Gräfin war, danach dann das Kreisaltersheim für den Kreis Wittlage. Eine Siechenstation richtete die Gräfin als Vorstufe 1875/76 ein. Anfangs waren viele Heimbewohner mittellos. Somit musste sparsam gewirtschaftet werden. Aber es gab geheizte Räume, warme Mahlzeiten aus der Hausküche und Pflege ohne spezifizierte Rechnungen wie heute durch professionelle Pflegedienstanbieter. Die Gemeindeschwestern der Kirchen leisteten große Dienste, dadurch waren die kirchlichen Bindungen sehr gefestigt. Heute gibt es keine Gemeindeschwestern der Kirchen mehr, sondern nur noch gewerbliche Pflegedienste, die jede erbrachte Leistung abrechnen.

Da die Bewirtschaftungsmittel gering waren, gab es am Pflegehaus einen großen Hausgarten für den Anbau von Gemüse und Kartoffeln sowie einen Schweinestall – hier wurden die Küchenabfälle verfüttert und Hühner gehalten, alles zur Selbstversorgung. Im Pflegehaus gab es 30 Heimplätze. Der Vorteil: Die Familienangehörigen konnten ihre Liebsten im Heim oft besuchen, mit dem Fahrrad, ein nur kurzer Weg dorthin. Heute gibt es auch Heimplätze, wo die Senioren 30 km oder mehr von ihrem Wohnsitz entfernt sind.

Gräfin Else wollte mit ihrem Wirken nicht die Welt verbessern; vermutlich war sie nicht mal politisch oder ideologisch geprägt. Sie kann folglich heute nicht für irgendeine Richtung vereinnahmt werden. Sie wollte in ihrem überschaubar begrenzten Lebensraum Menschen in einer Notlage helfen, wirkungsvoll, nicht phrasenhaft. Ihr Lebenswerk sollte Anspruch und Mahnung sein für zukünftige Generationen. 

Für Gräfin Elsa war „ortsnahe Versorgung“ ein Wert an sich, so wie es heißt: „Alte Bäumeverpflanzt man nicht“. Die wirtschaftliche Not von einst gibt es heute in der Form nichtmehr, eher geht es heute um Ausgrenzung, Isolierung, Vereinsamung – und statt nicht geheizter Räume könnte schon bald das Gegenteil stehen – Räume ohne Klimaanlage sind für geschwächte Senioren unerträglich und könnten zum Hitzetod führen?

Vermutlich würde Gräfin Elsa heute den Verantwortlichen die Leviten lesen, die für das „Krankenhaus-Sterben“ auf dem platten Lande verantwortlich sind; hier die einst christlichen Krankenhausträger und die für die Gesundheitspolitik in Bund und Landverantwortlichen Minister. Das Land vergibt Steuermittel nach dem Krankenhaus-Finanzierungsgesetz. Kliniken der Grundversorgung im Gesundheitswesen, rund um die Uhr besetzte Notaufnahmen, Hospiz-Einrichtungen damit verbunden, dies gibt es nur noch in den Stadtzentren. Die Landregion blutet aus, hier gibt es keine Notaufnahmen mehr. Dies führt zur politischen Verdrossenheit, wie die letzten Wahlen zeigen, ohne dass einUmdenken einsetzt? 

Stattdessen wird zum Nachteil der Landbevölkerung zentralisiert, in den Zentren der Großstadt, für Alte und Gebrechliche schwer erreichbar, eine Tagesreise aus dem weiten Umland. So wird oft billigend in Kauf genommen, dass der Sterbeprozess weitgehend ohne Begleitung durch Angehörige in großer Einsamkeit stattfindet. Die Spezialisierung der Kliniken ist damit nicht gemeint, soweit es um medizinische Qualitätsverbesserung geht und auch um die Kostenminimierung. Für die Kehrseite wird die Sozialpolitik zur Farce; die Menschen wenden sich von den klassischen Volksparteien mit ihren oft fehlgeleiteten Reformen ab. Gehandelt wird nur in kurzen Schritten einer Legislatur, danach ist das „Mindesthaltbarkeitsdatum“ schon abgelaufen und manchmal werden später mit Steuergeld wieder Strukturen neu aufgebaut – nachdem sie zuvor abgebrochen wurden, etwa „Schutzräume“ als Beispiel für Milliarden-Verluste.

Die Notaufnahmen der Kliniken sind oft am Limit ihrer Kapazität. Unzumutbare Wartezeiten für gewerbliche Arbeitnehmer und Handwerker, die sich im Betrieb oder auf der Baustelle verletzten. Dafür weite Anfahrten zu den wenigen städtischen Notaufnahmen, die nicht aufgestockt wurden und natürlich nach medizinischer Dringlichkeit die Eingelieferten versorgen. Die klassischen Arbeiter, die den Betriebsunfall erleiden, haben in der Notaufnahme längste Wartezeiten, wenn nicht lebensbedrohend. Die Arbeiter wenden sich ab, weil sie sich in Notfällen nicht vertreten fühlen. 

Gräfin Elsa setzte ein Zeichen für soziale Verantwortung. 1880, als das Pflegehaus entstand, war die Situation eine andere als heute, 2026 und fast 150 Jahre später. Es gibt heute neue Herausforderungen. Und vermutlich würde Gräfin Else auch heute ihre Stimme erheben und mahnen, wo Anspruch und Wirklichkeit für soziale Verantwortung verletzt werden? Sie kritisierte nicht nur, sie handelte auch nach ihrem Wertesystem.

Auf das Hagelunwetter folgend wurde im Pflegehaus eine „Kostschule“ für vier Monate eingerichtet. 18 Kinder, deren Elternhäuser stark unter den Folgen des Hagelunwetters litten mit totalen Ernteausfällen und Schäden an den Gebäuden – wurden täglich mit einer warmen Mahlzeit im Pflegehaus versorgt, fast schon ein Vorbild für die „Wittlager Mahlzeit“, nur das dort nicht ausschließlich bedürftige Kinder, sondern eher Senioren, einmal wöchentlich mit einem warmen Essen versorgt werden.

Im Nachruf auf Gräfin Elsa stand der zutreffende Spruch: „Wer Liebe säet, wird Liebe ernten.“

Das Wirken von Gräfin Elsa – ein Straßenname wurde nach ihr in der Ortschaft Eielstädt benannt – ist eine vorbildliche Herausforderung . Soziales Engagement ist gefordert und auch Mut, um die Miss-Stände im lokalen Umfeld zu benennen, statt Gleichgültigkeit an den Tag zu legen.

Inzwischen gibt es kaum noch Geburtskliniken in der Landregion, nur sehr weit entfernt im Zentrum der Großstadt. Ein deutlicher Mangel, der gesellschaftlich als bedenklich einzustufen ist. 

Das Rezept für diese Torte ohne Schnörkel wird noch veröffentlicht. Gräfin Elsa sollte auch künftig Vorbild für mutiges Eintreten sein, damit die Landregion gegenüber den Ballungsräumen nicht weiter von der Landespolitik abgehängt wird und die Unzufriedenheit wächst und bei Wahlen zum Ausdruck kommt.

Text und Fotos: Eckhard Grönemeyer